Wortkreationen

Worte sind bedeutend. Sie haben Aussagekraft. Sie können aber auch Verwirrung stiften und Widersprüche zum Vorschein bringen, wie an der Wortkreation „Vertrauensarbeitszeit“ ersichtlich. Diese Wortschöpfung wurde aus drei Substantiven zusammengesetzt: das Vertrauen, die Arbeit, die Zeit. Das zusammengesetzte Wort „Arbeitszeit“ ist im deutschen Sprachgebrauch mittlerweile gut eingeführt, verständlich und in sich schlüssig. Es bezeichnet den Zeitraum, in welchen ein Arbeitnehmer seiner Arbeitspflicht nachkommen muss. Diese Pflicht ist im Arbeitsrecht geregelt. In einem kreativen Schaffensprozess wurde dann zu dem bereits zusammengesetzten Wort nun nochmals ein Wort hinzugefügt, nämlich Vertrauen. Damit geht nun die Schlüssigkeit verloren und die gesetzliche Regelung fällt weg. Es entsteht ein Widerspruch, ein Denkchaos – ein Knopf im Kopf. Denn Vertrauen kann nicht verpflichtet werden. Vertrauen ist ein wechselseitiger Prozess. Dieser braucht wirkliche Begegnungen mit anderen Menschen und muss aufgebaut werden. Vertrauen ist gemeinsam mit Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung und Zuneigung der neurobiologische Treibstoff unseres menschlichen Motivationssystems. Das sind die wichtigsten Komponenten gelingender zwischenmenschlicher Beziehung.

Nur das war bei der Schöpfung des Wortes „Vertrauensarbeitszeit“ nicht gemeint. Es geht schlichtweg darum, dass der Mitarbeiter von seiner Anwesenheitzeit entkoppelt wird. In einer Zielvereinbarung werden Ziele aufgeschrieben, welche er in einem bestimmten Zeitfenster erreichen muss. Seine Leistung zählt. Nicht das Vertrauen. Die englische Übersetzung „Results-Only-Work-Environment“, übersetzt „ergebnisorientierte Arbeitsumgebung“, trifft die Bedeutung der Wortkreation besser. Elisabeth Schrattenholzer, Schriftstellerin und Kommunikationsexpertin, meint dazu: „Mit Worten beruft sich Sprache auf Übereinkünfte des Abbildens der Welt. Fairer Sprachgebrauch braucht Begriffe, die sich klar und eindeutig auf Anteile der Wirklichkeit beziehen. Jede Verwirrung, jedwede Sprachverwüstung macht es Autoritäten leichter, Gehorsam zu erreichen“. Wenn die Wortkünstler, dies bei der Erschaffung der Workreation „Vertrauensarbeitszeit“ bedacht hätten, dann hätte es nicht das Urteil im Mai 2019 des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zur Erfassung der Arbeitszeiten gebraucht. 

Der Beitrag erschien im Magazin NOTOBENE Nr. 5/2019.