Selbstoptimierung

Wir ziehen täglich ordentlich und zuverlässig Bilanz in unserem Leben, wenn es um unsere Leistungen, abgeschlossenen Geschäfte, unseren Sommerurlaub, unsere Lauftrainings oder unser Gewicht geht und selbst unser letzter Online-Einkauf wird genau aus- oder bewertet. Wir können meist sehr gut benennen, wann wir „erfolgreich“ waren und wann nicht. Jedoch wie oft halten wir Rückschau auf unsere Bedürfnisse und darauf, was und wen wir wirklich brauchen? Warum müssen denn erst so viele krank werden oder einen Unfall oder Schicksalsschlag erfahren, um Bedürfnisse klar benennen zu können? 

Der Drang nach Selbst-Optimierung und Bedeutsamkeit liegt dahinter. Wir setzen uns das Ziel, in jedem Bereich das absolute Maximum zu leisten und Perfektion anzustreben. Die Vermessung des eigenen Selbst, wie die QS – Quantified-Self-Bewegung bezeichnet wird, beschäftigt sich mit der analytischen Selbstbeobachtung. Egal ob Gesundheitswerte, emotionale Verfassung, Freundschaften oder Finanzströme – immer geht es darum, durch Analyse sich selbst besser verstehen zu lernen, sich zu optimieren und besser zu sein wie andere.

Erinnern wir uns zurück an die Anfänge dieses Trends. Es war Ende der 90er-Jahre. Damals füllten Erfolgs- und Motivationstrainer unter dem Motto „Alles ist möglich“ riesige Hallen und versprachen jedem, ein erfolgreicher Millionär werden zu können. Coaches boten Unterstützung dabei, in kurzer Zeit mehr Geld, Erfolg und Lebensqualität zu gewinnen. Man muss nur wissen, wie man besser und schneller als andere wird. Nicht nur in der Leistung, sondern auch in der Persönlichkeit und im Aussehen. Wer dann noch im Umgang mit „Lorbeer-Dieben“ und Selbstmarketing in Krisensituationen geschult ist, der hat es geschafft. Der hat sein Ich auf die Erfolgsspur gelenkt. Der hat gekämpft und alle anderen überholt, sich optimiert und bedeutsam gemacht.

Diese Gegeneinander-Kämpfermentalität und diese endlose Selbst-Optimierung haben zuweilen bereits bedrohliche und groteske Ausmaße angenommen. Mut zur Kooperation und Selbstbeschränkung statt Konkurrenz und Selbst-Optimierung heißt heute das Motto. „Wenn wir eine Form des Zusammenlebens finden, in der wir uns gegenseitig Erfahrungen ermöglichen, dass wir um unserer selbst Willen bedeutsam sind, dass sich keiner mehr anstrengen muss, um bedeutsam zu sein – das ist ein völlig anderes Gesellschaftsmodell. Es täte sich lohnen, sich dafür einzusetzen.“ meint Gerald Hüther dazu.

Der Beitrag erschien im Magazin NOTOBENE Nr. 5/2017.